| |
Nachtklage
(Sonett)
Ein holder Jüngling, sagen uns die Alten,
Erscheint allnächtlich an der Ruhestätte,
Er neigt sich sinnbetörend übers Bette,
Still weiß er mit des Mondes kraft zu walten.
Das ist der Schlaf, er glättet alle Falten,
Zerreißt des Lebens ew'ge Bilderkette,
Und, dass er von des Tags Getrieb uns rette,
Führt es den Reigen süßer Traumgestalten.
Ich sah ihn lange nicht, es naht statt seiner
Ein ander Bild mir schon seit vielen Nächten,
Ein holdes Mägdlein ist es anzusehen.
Doch nicht erbarmt es, wie der Schlaf, sich meiner,
Und, lächelt's gleich aus dunklen Lockenflechten,
In Angst und Liebesschmerz muss ich vergehen.
Gustav Schwab 1792-1850
Perlenfischer
Du
liebes Auge, willst dich tauchen,
In meines Aug's geheimste Tiefe,
Zu spähen, wo in blauen Gründen
Verborgen eine Perle schliefe?
Du liebes Auge, tauche nieder,
Und in die klare Tiefe dringe
Und lächle, wenn ich dir dies Bildnis
Als schönste Perle wiederbringe!
Otto Roquette 1824-1896
|
|
|
|